Döntjes 

Geschichten um den Kran

Um einmal deutlich zu machen, welchen Stellenwert der Alte Kran immer noch bei vielen alteingesessenen Stadern hat, die ihn noch in Betrieb erlebt haben, sollen nachfolgend ein paar von ihnen selbst zu Wort kommen. Herr Kunze bekam eine Menge Briefe, in denen Stader Bürger ihre persönlichen Erlebnisse mit dem Hafenkran schilderten. Aus ihnen wird im Folgenden auszugsweise zitiert.


Kinderzeichnung aus den 30er Jahren

Herr Hans-Eduard Spies schreibt: „Es ist nicht irgendein Kran, sondern einfach der Stader Hafenkran. Mit diesem Kran wurden Jahrzehnte lang Schiffe im Hafen ent- und beladen.

Dieser Kran wurde 1927 aufgestellt, um der etwas nachhinkenden mittelständischen Wirtschaft in diesem Raum einen neuen Impuls zu geben. Stade galt ja bekanntlich als geruhsame Beamtenstadt. Dass dieser Kran in den 30er Jahren eine wichtige Rolle spielte, beweist meines Erachtens auch die beigefügte Kinderzeichnung, die ich in der Volksschule etwa 1935/36 angefertigt habe. Dieser Kran war es eben wert, auch von Schulklassen anlässlich einer Hafenbesichtigung wahrgenommen zu werden.

Ich persönlich habe diesen Kran stets neben den beiden Kirchtürmen als das maritime Wahrzeichen der Stadt betrachtet.“


Herr Horst Scheumann schreibt: „Aufgrund eines Artikels im Stader Tageblatt über die Zukunft des historischen Hafenkrans des Stader Hafens habe ich mir kritisch das Hafengelände angesehen. Dabei kamen mir Erinnerungen über den Betrieb im Hafen. Bei Besuchen meiner Großeltern 1932 bis 1939 ging oft mein Großvater mit mir zum nahe gelegenen Hafen. Es war für mich immer ein Erlebnis, der Tätigkeit des Krans zuzusehen.

Mein Großvater war übrigens ein Sohn eines Kranarbeiters des Holzkrans am Alten Hafen. Er war zeitlebens wütend über die Art, wie der alte Kran verschwinden musste und abgerissen wurde. Seit 1939 bin ich Stader und war oft am Stader Hafen. Die Versorgung von Stade mit festen Brennstoffen und Wirtschaftsgütern geschah mit Einsatz des historischen Krans. Das Klicken des Greifers war Musik in meinen Ohren. Der Kran war Mittelpunkt des neuen Hafens.

Im Zuge der Entwicklung unserer Stadt wurde der „Alte Hafen“ abgetrennt, war kein Ziel mehr für Schiffe. Auch der „Neue Hafen“ wurde zunehmend bedeutungslos. Ist das aber ein Grund, den Kran als prägenden Teil unserer Altstadt verschwinden zu lassen? Der Kran ist ein Stück von Stades Anteil an der maritimen Landschaft. Er muss erhalten werden.“


Herr Dieter Balzer erinnert sich: "Als Fünfjähriger kam ich nach Stade. Das war 1940 und ziemlich schnell entdeckte ich den Hafen, lockten mich doch immer Schiffe und Wasser. Neben den Schiffen war das Wichtigste der riesige Kran. Fast täglich beeindruckte er mich bei seinen Einsätzen und dabei ganz besonders der Greifer.

Damals - und auch später - kamen viele Schiffe nach Stade und brachten Waren aller Art - hauptsächlich erinnere ich mich an Stückgüter, aber auch Massengüter wie z.B. Kohle. Mühsam hievte der Kran die Güter hauptsächlich auf Pferdefuhrwerke und Eisenbahnwaggons - später kam der LKW hinzu.

Der Kranführer stieg von außen über eine feste Leiter in seinen Fahrstand. Im Stehen bediente er von dort die verschiedenen Hebel zum Drehen, Hieven, Fieren, Öffnen und Schließen des Greifers und zum Fortbewegen, denn früher konnte der Kran auf Schienen selbständig vor und zurück fahren. Der Kranführer war ein ziemlich kleiner Mann und er musste sich durch verhältnismäßig kleine Fenster seitlich orientieren, da nur nach vorne eine Glaskanzel mit einem Ausstellfenster vorhanden war. An Wochenenden habe ich den Kranführer in der Holtermannstrasse bei der Arbeit in einem großen Gemüsegarten wieder gesehen.

Faszinierend waren die Geräusche des komplett elektrisch betriebenen Kranes. Der Motor brummte richtig bei der Arbeit und waren schwere Lasten zu hieven, verstärkte sich dies. Es wurde übertönt vom "Ping" in der Glocke am Seilende beim Schließen des Greifers. Manchmal schwankte das Seil mit der Glocke und dem Greifer an der Kette so heftig hin und her, dass nach meinem Dafürhalten die Schauerleute heftig aufpassen mussten, um nicht getroffen zu werden. Ganz oben hoch am Ende des Auslegers befand sich eine scheinwerferartige Lampe, die bei Kranarbeiten heftig hin und her wackelte und in der Dämmerung und Dunkelheit ein mehr flackerndes Licht auf das Geschehen warf.

Für mich als Kind und Jugendlicher waren der Hafen und Kran immer ein Magnet und vielleicht wurde hier in mir Interesse geweckt, zur See zu fahren. Das habe ich vier Jahrzehnte gemacht und nun als Rentner in meiner Heimatstadt bin ich gerne bereit, durch diese Zeilen zur Geschichte des Kranes beizutragen. Ich wünsche dem technischen Denkmal noch ein langes Leben."


Lieferschein von 1927

Die Lieferscheine von 1927
(siehe Bild rechts)

Während der Restaurierung des Maschinenhauses vom Hafenkran wurden in einem versteckten Winkel unter der Holzverkleidung drei Lieferscheine der Thyssen-Rheinstahl AG aus Frankfurt / Main gefunden. Diese Lieferscheine, die noch in überraschend gutem Zustand sind, belegen eine Lieferung vom 29.7.1927 von Frankfurt / Main nach Stade. Es kann jedoch heute nicht mehr eindeutig geklärt werden, wie die Lieferscheine in den Kran gelangt sind.


Herr Christian Ohrt schreibt: "In der schlimmen Nachkriegszeit 1947/48 waren wir eine kleine Clique 7 bis 8-jähriger Jungs aus der Poststraße. Unser Revier war der Neue Hafen mit dem imposanten Drehkran, der fast täglich Ladungen von Küstenschiffen löschte. Zu der Zeit wurde viel Rohsteinkohle für die Saline, die Stadtwerke, die Lederfabrik und die von englischem Militär besetzten Kasernen angelandet. Wenn der große Muldengreifer des Krans zu tief in den Kohleberg im Schiffsbauch eintauchte, kam er überfüllt wieder zum Vorschein und verlor beim Überschwenken vom Schiff zum LKW der Fa. Ude wertvolle Brocken, die wir flink aufsammelten und in mitgebrachten Leinenbeuteln verschwinden ließen. Zuhause wurde dann aus Freude darüber nicht nach den Schularbeiten gefragt.
An einem Sonntag entdeckten wir, dass der Kranführer die Tür zu seinem Fahrstand nicht verschlossen hatte. Die Gelegenheit nutzten wir spontan für eine Innenbesichtigung des Maschinenhauses und kletterten anschließend zu Dritt den Ausleger hinauf auf die Wartungsplattform, wo wir oft den Kranführer beim Abschmieren der Umlenkrollen beobachtet hatten. Angst kannten wir nicht. In unserem Übermut hatten wir aber nicht mit dem Hafenmeister gerechnet, der uns natürlich kannte und in der Poststraße schon Alarm geschlagen hatte. Ich kenne noch heute die Stelle, an der meine Mutter mir vor versammelter Mannschaft den Hintern versohlt hat. Somit hat mir der historische Hafenkran immerhin zu einem eindrucksvollen Erlebnis verholfen".

Stade, 30.10.2007


Gedicht von Rudolf Rancke anlässlich des 80. Krangeburtstages am 21.09.2007

Denkmalschmiere

Der 80 Jahre alte Kran
treibt uns nicht zum Größenwahn.
Dennoch ist es schön, zu wissen,
dass die Träger kaum verschlissen -
Heute und auch später tragen
den Ausleger und den Haken.
Hebel, Rollen, Motorkasten
bewirken, dass kaum Zusatzlasten
heben Mast und auch die Seile
in Stader Luft ganz ohne Eile.

Manchen Sturm, manches Gewitter
hat erlebt der stolze Turm,
und ist ohne Glanz und ohne Glitter
standfest und schön, ganz rundherum.

Nur der Zahn, der Zahn der Zeit
- nichts aus Stahl ist davor gefeit -
beißt mit permanenter Macht,
an dem Gebilde Tag und Nacht.

Aller Farbe nun zum Hohn
sehen wir die Korrosion!

Nämliche treibt ebenfalls
Roland das Blut in Kopf und Hals,
wenn derselb' hat festzustellen;
Rost ist vieler Schäden Quellen:

Bolzen, die sich nicht bewegen,
Träger, die sich seitwärts legen,
Zähne, die am Ritzel kleben,
lassen Unmut ihn erleben.

Kranbaumeister, Helfer, Gäste,
uns zu dem Geburtstagsfeste
fiel nur Eines dazu ein:
Denkmalschmiere muss es sein!

Hiervon eine kleine Menge
treibt den Rost in engste Enge
wenn Ihr also wollt montieren,
müsst Ihr Bolzen, Lager schmieren.


Frau Irmtraut Regel geb. Tiedemann schreibt: Es war im Mai 1945. Der schreckliche Krieg war endlich zu Ende. Die ersten Heimkehrer - desertierte Soldaten - vermochten ohne Papiere die Ausweiskontrollen zu passieren. Mein Vater hatte sich dabei in Schleswig-Holstein mit einem Mann aus Melau (Hollern-Twielenfleth) zusammengetan. Gegen ein Fahrrad und Zigaretten fanden sie einen Schiffer, der sie mit seinem Boot über die Elbe an das Twielenflether Ufer bringen wollte, aber nur bis an den Schilfgürtel.
Der Melauer und mein Vater waren beide Nichtschwimmer, aber alle Überredungskünste halfen nichts und sie mussten vor dem Ufer in das nasse und kalte Element. So strebten sie nach erfolgreicher Überfahrt klitschnaß und durchgefroren dem Haus in Melau zu. Dort war die Wiedersehensfreude riesig und beide Männer kamen zuerst in eine warme Badewanne, erhielten trockenes Zeug und nach dem Essen und Trinken ein warmes Bett.
Meine Mutter hat mit meiner Hilfe gerade am Tag vorher unser Gemüsegeschäft in der Bungenstraße wieder eröffnet, als dort eine Frau mit einem Kinderwagen auftauchte. Die Frau des Melauers hatte sich mit den nassen Kleidungsstücken meines Vaters auf den Weg nach Stade gemacht und konnte uns die freudige Botschaft überbringen: "Ihr Mann, Vater liegt bei uns im Bett. Es geht ihm gut, er wartet auf Zeug und will möglichst schnell nach Hause". Voller Freude kam Kleidung in einen Koffer und ab ging es nach Melau.
Neu eingekleidet machte sich mein Vater auf den Weg nach Stade, passierte die Absperrung der Briten für das "Alte Land", sah dann lange Schlangen vor den Geschäften, erhielt aber auch viele freudige Wiedersehensrufe. Zu uns erklärte er, nach den Anstrengungen wolle er in den nächsten Tagen erstmal nichts tun. Da musste meine Mutter ihm beichten, dass gerade Tage vorher unser Gemüsegeschäft wieder eröffnet worden war. Nichts wurde es mit dem Ausschlafen!
So klinkte mein Vater sich in die Arbeit ein und zu einer der ersten Tätigkeiten gehörte die Rückführung unserer "Schott'schen Karre". Es war eine Langausführung und sie hatte bei einem Freund in der Gartenanlage den Krieg überdauert. Die Fahrt von der Altländer Straße zur Bungenstraße führte am Hafen vorbei. Darin lag ein Schiff und dessen Kapitän musste ohne Ladung zur Nordsee aufbrechen, hatte aber noch kalifornische Backpflaumen an Bord. Über die Transporteinrichtung kamen Kapitän und Gemüsehändler zueinander und wurden sich handelseinig.
Nun ging es aber los. Mutter und ich mussten ein Zimmer ausräumen, damit die Pflaumen gelagert werden konnten.
Unser Vater suchte den Kranfahrer, fand ihn auch und unter Zeitdruck wurde entladen, denn von 22.00 Uhr begann die Sperrstunde. Der Hafenkran konnte dabei gut helfen und mit ihm wurden die Backpflaumen auf die Schott'sche Karre geladen. Hoch bepackt ging es dann im "Schnelltransport" zur Bungenstraße. Nur weil der Kran eingesetzt werden konnte, wurde dem Kapitän und uns geholfen. Es wurde alles vor der Sperrstunde abgewickelt und der Kran wurde "Helfer bei Zeitnot". Das war ein Erlebnis, das sich für mein Leben in mein Gedächtnis eingegraben hat.

Stade, im Januar 2008


Arthur Großwendt - das lange Leben eines Kranführers

Dank der Unterstützung des Sohnes Lothar können hier Fotos aus dem Familienbesitz gezeigt und einige Anmerkungen zum Lebensweg gemacht werden.

Geboren am 23.01.1908 kam er als Flüchtling nach Stade. Die Familie hatte schon Einquartierung erfahren in der Thuner Straße. Bald gelang es jedoch, eine Wohnung in der Baracke "Köln" am Schwarzen Berg zu erhalten. Das Foto1 zeigt den Herrn Großwendt etwa 1953 vor dem Gebäude. Es war dort eigentlich eine ganz schöne Zeit. Der ausgebildete Kranführer erhielt Arbeit ab 1947 bei den Stadtwerken und hat den Elektro-Kran am Hafen bis 1969 gefahren. Dann ging es in den Ruhestand.

In der Zeit wurde viel gearbeitet. Man schaute nicht nach dem Feierabend, sondern die Schiffe mussten leer werden. Das ergab oft lange Tage - spielte aber keine Rolle. War ein Schiff abgefertigt, gab es von und mit dem Kapitän "ein Buddel Schluck" - oder auch zwei. Da war es gut, dass der Weg zur Arbeit und nach Hause mit dem Fahrrad zurückgelegt wurde.

Das Hauptumschlagsgut überhaupt war Steinkohle. Hierfür hatten die Stadtwerke einen eigenen Güterzug und verlangten daher von ihrem Kranführer, dass dieser eine Prüfung als Diesellokführer machte. So konnte er die Züge rangieren und auch zur Kokerei fahren. Beim Beladen der Züge u./o. LKW fielen immer mal Kohlen nebenbei. Das passierte auch beim Holz und das Aufgesammelte wurde verstaut in der Holzhütte unterm Kran. Lohnte es sich, mussten die Söhne erscheinen mit der familieneigenen Schott'schen Karre und die Güter nach Hause schaffen.

Zwei Fotos zeigen Arthur Großwendt direkt bei der Arbeit am Fahrstand im Maschinenhaus und durch die Glaskanzel erkennt man den Greifer und die Schiffe im Hafen. Diese Aufnahme entstand in der Mitte der 50er Jahre. Etwa 10 Jahre später wurde das Foto gemacht, auf dem er lachend zum Fotografen schaut. über 20 Jahre als Kranführer bringen natürlich tägliches Einerlei, Freundschaften zu Kapitänen, die als Stammkunden kamen und besondere Erlebnisse.

Da sprang der Arthur sofort in das Hafenbecken, als ein Mädchen hineingefallen war. Auch ein Hund wurde geborgen. Nicht unerwähnt bleiben sollte das "Original vom Hafen", die so genannte "Pferde-Lene. Sie war immer vor Ort und stets zu Diensten. In der Kneipe wartete sie auf Kundschaft. übersehen konnte man die nicht aufgrund ihres Körpervolumens. Einmal wollte sie gerne Kohlen "abstauben". Gerne wurde diese Bitte erfüllt und mit dem Greifer eine Schubkarre beladen. Am nächsten Tag gab es ein Donnerwetter. "Du hast mir tote Kohle angedreht!" Das war richtig, denn es waren bewusst schwarze Steine verladen worden und daraufhin konnte man sich wieder wunderbar vertragen.

1969 ging es mit 61 Jahren in den verdienten Ruhestand. 33 Jahre - bis zum 30.05.2002 konnte dieser genossen werden. Das Foto zeigt den 90jährigen im Jahre 1998.


Briefmarke mit Sonderstempel Am 17. September 1984 übergab die "Hafenbetriebs-GmbH Stade" den Hafenkran von 1927 an die Stadt Stade für einen symbolischen Gegenwert von einer D-Mark. 1986 wurde der Kran teilweise mit Spenden restauriert. Wegen zu hoher Kosten für die weitere notwendige Sanierung ging der Kran am 20.März 2007 über einen Schenkungsvertrag zwischen der Stadt Stade und dem ,, Verein zur Erhaltung stadtprägender bedeutsamer Gebäude und Einrichtungen “einerseits und der Stader Stiftung „Stiftung für Kultur und Geschichte / von Bürgern für Bürger" andererseits in das Eigentum der Kulturstiftung über. Wie aus sicherer Quelle zu erfahren ist, war das ein Mark-Stück von symbolischem Gegenwert, von 1984, „verschollen".

Rechtzeitig vor dem Museumstag hat der Stader Briefmarkenverein zufälligerweise das geschichtsträchtige Mark-Stück wieder entdeckt und dem damaligen Geschäftsführer der "Hafenbetriebs- GmbH Stade" Helmut Hirschfeldt mit der Bitte ausgehändigt, dieses symbolträchtige Mark-Stück zum sicheren Verbleib dem heutigen Eigentümer des Stader Hafenkranes, dem Vorsitzenden der Stiftung Dieter Kunze zu überreichen.

Dank der damaligen Verkaufs- und Geschenkaktion sowie den vielen späteren Spendern und Helfern hat die Stadt wieder ein schönes historisches Denkmal. Als Dankeschön an alle Beteiligten hat der Stader Briefmarkenverein ein Gedenkblatt anfertigen lassen, auf dem der Stader Hafenkran mit dem symbolträchtigen 5 Markstück abgebildet ist. Ferner ziert eine Briefmarke mit Sonderstempel das Gedenkblatt. Der Stempel wurde am 17.Mai 2009 beim Sonderpostamt Stader Technik- und Verkehrsmuseum abgeschlagen. Das Gedenkblatt mit Marke und Sonderstempel war bei gutem Wetter zusätzlich an einem Stand vor dem historischen Kran am Stadthafen erhältlich.